(ENGEL DER VERLORENEN - Doktor Sanada)
Text von: Steffen Möller
In einem verwahrlosten Vorort einer nicht näher benannten japanischen Stadt hat Doktor Sanada (Takashi Shimura) eine Praxis, in der er die Bewohner des Viertels auch gegen TBC behandelt. Die Kontrolle über das Viertel hat die Yakuza, jene berüchtigte japanische Verbrecherorganisation, die schon seit Jahrhunderten die Unterwelt beherrscht. Matsunaga (Toshiro Mifune), Vertreter der Yakuza im Viertel, steht eines Nachts vor der Praxis des Doktors, um sich einen Nagel aus der Hand operieren zu lassen. Bei der Behandlung stellt sich der vermeintliche Nagel nicht nur als Pistolenkugel heraus, sondern Sanada entdeckt auch, dass Matsunaga an Tuberkulose leidet. Dieser weist jedoch den Vorschlag des Arztes, sich röntgen zu lassen, schroff ab und flieht aus der Praxis. Doktor Sanada, derseine inneren Dämonen mit Alkohol bekämpft, will dem jungen Gangster aber mit Hilfe der Arzthelferin Miyo (Chieko Nakakita), der Ex-Frau des im Gefängnis sitzenden Gangsters Okada (Reisaburo Yomamoto), helfen. Verzweifelt versucht er Matsunaga von der Dringlichkeit einer Behandlung zu überzeugen, da die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist und ihm die Zeit davon läuft. Als auch noch Okada aus dem Gefängnis entlassen wird und sofort beginnt, seine Vormachtstellung im Viertel zurück zu erobern, beginnt die Geschichte einen schrecklichen Verlauf zu nehmen… ENGEL DER VERLORENEN ist der erste Film Akira Kurosawas, bei dem er die volle Kontrolle inne hatte und neben der Regie auch für das Drehbuch verantwortlich war. Die erste Zusammenarbeit von Regisseur Kurosawa mit seinem späteren Stammschauspieler Mifune ist einer der ersten japanischen Film noir. Auch wenn der klassische Film noir vor allem Hollywoodproduktionen der 1940er und 1950er Jahre umfasst, braucht sich Kurosawas Werk nicht hinter den amerikanischen Produktionen verstecken. Wie in den US-Produktionen der Nachkriegsjahre, ist ENGEL DER VERLORENEN geprägt von den Erfahrungen der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg. Ebenso hatte die amerikanische Besatzung einen großen Einfluss auf das japanische Kino der Nachkriegsjahre und dieser Film noir ist das erste bedeutende Werk, das davon zeugt.. Alle Stilelemente des Film noir sind hier vorhanden: Schwarz-Weiß-Bilder in starkem Kontrast, eine aussichtslose, schicksalsgetriebene Geschichte und zwielichtige Figuren. Die Charaktere sind weitaus komplexer als manche Figuren der amerikanischen Filme und verweigern eine einfache Schwarz-Weiß-Malerei. Antiheld Matsunaga wird von Tifune so grandios verkörpert, dass man sich schwer tut, in ihm den Bösen zu sehen. Von der Tuberkulose gezeichnet, versucht er, sich aus dem Netz der Yakuza zu befreien und ein normales Leben außerhalb von Kriminalität und Gewalt zu leben. Nur Doktor Sanada, der seine Dämonen durch Alkohol zu bekämpft, versucht dem Gangster zu helfen. Doch ist eine Flucht aus dieser Welt, die noch immer durch das Krieger-Ethos der Samurai, jetzt verkörpert durch die Yakuza, geprägt ist, aussichtslos. Kurosawa übt hier unverhohlen Kritik an jener Geisteshaltung, welche Japans imperialistische Politik der 1920er und 1930er Jahre und damit auch die verheerende Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Kapitulation begünstigte und heraufbeschwor. Auch weil die beiden Film noir Kurosawas - er drehte ein Jahr später mit Ein streunender Hund (JP 1949) einen weiteren - in Europa im Gegensatz zu seinen Samuraifilmen recht unbekannt sind, ist ENGEL DER VERLORENEN ein guter Einstieg, um sich dem Gesamtwerk des japanischen Regisseurs abseits der bekannten Schwertkampffilme anzunähern. | Originaltitel: Yoidore tenshi Regie: Akira Kurosawa Land: Japan Jahr: 1948 Laufzeit: 98 Min.
Signatur: Film 10 Ku 7 *
In der Filmsammlung Cinemathek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (Haus Amerika-Gedenkbibliothek).
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