Text von: Steffen Möller
Ein lange dunkle Straße, die wenigen Lichter aus den Straßenlaternen und einsamen Mietskasernen sind gerade schwach genug, um die Trostlosigkeit des Ortes zu verdecken. Man hört schnelle Schritte, sieht aber keinen Menschen, sondern nur lange Schatten, die sich an den grauen Hauswänden abzeichnen. In der nächsten Einstellung wird deutlich, warum die Schritte schneller werden, denn dem ersten Schatten folgt ein weiterer. Plötzlich ist die Straße zu Ende, noch dunkler, noch aussichtsloser ist die Sackgasse. Ein Schuss peitscht durch die Nacht, Schritte entfernen sich wieder. Zurück bleibt ein regloser dunkler Körper, das Gesicht nach unten, der Filzhut seltsam deplatziert neben dem Kopf. Im Hintergrund hört man jetzt schon das Heulen der Polizeisirenen anschwellen, die bleierne Ruhe der Nacht durchschneidend. Aus dem Dunkel der Nacht tritt ein weiterer Fremder, der das Opfer beschatten sollte und weder den Grund für den Mord, noch den Mörder kennt. Aus einem Routinefall ist ein Mordfall geworden.
Diese kleine Szene könnte der archetypische Anfang eines beliebigen Film noirs sein, der dunklen Epoche des amerikanischen Kinos. Doch zeichnet sich der Film noir unter anderem dadurch aus, dass er sich eben gar nicht in enge Konventionen pressen lässt. Film Noir definiert sich durch den Stil und die Weltsicht, die er transportiert, ebenso durch die Gefühle, die er weckt, die seine Charaktere dem Zuschauer vermitteln und nicht zuletzt durch das Schicksal als unabwendbare Macht. Die Welt im Film noir ist zutiefst pessimistisch, trostlos und mysteriös. Die Figuren sind einsame Wanderer auf der Suche nach Glück, Erfüllung oder ganz banal nach Geld. Und trotzdem wird der Zuschauer nicht mit einem Happy End belohnt, egal wie sich die Charaktere auch bemühen. Man wird am Ende eines Film noir eher die Erkenntnis haben, den Figuren sei Unrecht angetan worden, dass man in dieser Welt besser nicht leben wolle.
Aber wirft dies nicht einen realistischeren Blick auf die Welt, als die ebenso populären Tanzfilme und Screwball-Komödien Hollywoods? Die klassische Epoche des Film noir wird heute in die Zeit vom Ende der 1930er Jahre bis 1958 (dem Erscheinungsjahr von Orson Wells’ TOUCH OF EVIL / IM ZEICHEN DES BÖSEN) eingeordnet. Geprägt war diese Zeit von der Depression der 1930er und den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Auch die Nachkriegszeit und der beginnende Kalte Krieg mit seinen Ängsten und seiner Paranoia, die die amerikanische Gesellschaft umtrieben, spiegelten sich in der grundsätzlichen Sichtweise des Film noir wider. Und in einer Zeit des Konsens, der Konformität und Unsicherheit, in der sich die Menschheit jeder Zeit selbst auslöschen konnte, war der Film noir das realistische Vehikel, die Gefühle der Menschen anzusprechen und zu transportieren, mehr als es vielleicht andere Filmgenres hätten tun können.
Die Ästhetik des Film noir
Die Ästhetik des Film noir definiert auch, was er erst einmal nicht ist, nämlich kein Genre. Eher ist er durch die Atmosphäre, den Ton, die Stimmung und den Stil definiert.
Im Jahre 1946 verwendete der französische Filmkritiker Nino Frank erstmals den Begriff Film noir (“schwarzer Film”), als er die während der Besetzung durch die Deutschen im 2. Weltkrieg verbotenen Hollywoodproduktionen der Kriegszeit sichtete. Frank und anderen Filmkritikern fiel besonders die Atmosphäre der Filme auf, jener melancholische, zynische, pessimistische und düstere Grundton der oftmals verwundenen Geschichten. Diese Geschichten handeln häufig von desillusionierten Privatdetektiven, skrupellosen Gangstern und mysteriösen Femmes Fatales und spielen vor dem Hintergrund des Großstadt-Dschungels. Helden gibt es im Film noir nicht und als Anti-Helden verkörpern die Figuren die dunkle Seite der menschlichen Natur, die durch die moralisch verrottete, gewalttätige und bedrückende Umwelt zu Tage tritt. Sympathie wird man für die Figuren selten empfinden, eher Mitleid und vielleicht auch Ekel, denn selbst scheinbar unbescholtene Charaktere geben ihre Moralvorstellungen auf und erliegen den menschlichen Schwächen in einer Welt, die nichts verzeiht.
Bedeutend für den Stil des Film noir war auch die visuelle Umsetzung der Schauplätze durch die Verwendung starker schwarz-weiß Kontraste, weniger Lichtquellen und Schatten als bestimmende Elemente. Die Lichtsetzung ist angelehnt an die Filme des deutschen Expressionismus (viele deutsche Regisseure emigrierten nach 1933 in die USA) mit ihren senkrechten und schrägen Linien, welche dem Schauplatz der Großstadt entsprechen, entgegen der Horizontalen der amerikanischen Western. Das Vertikale weckt Unruhe und Bedrohung, die Schatten und Formen wirken unwirklich und fremd. Typische Film noir Einstellungen sind dunkle Innenräume mit einer einzigen Lichtquelle, die Fenster selbst am Tag verhangen und der Raum durch den allgegenwärtigen Zigarettenrauch seltsam undurchsichtig nebulös. Außeneinstellungen dagegen sind typischerweise in städtischer Umgebung angesiedelt, vorzugsweise bei Nacht. Feuchte Straßen und dunkle Gassen, Nebelschwaden, Neonlichter und spärliche bis gar keine Beleuchtung tragen die Stimmung der Ausweglosigkeit und Finsternis (der menschlichen Empfindungen). Die spärliche Beleuchtung der Werke des Film noir der Kriegszeit war aber nicht nur ein stilistisches Element, sondern auch den Restriktionen unter Kriegsbedingungen (Verdunkelung und Stromknappheit), sowie der oftmals knappen Budgets vieler B-Movie-Produktionen geschuldet.
Die Ursprünge des Film noir
Die Geschichte des Film noir lässt sich konservativ in zwei Phasen einteilen: die Phase des klassischen Film noir von 1941, beginnend mit der Buchadaption THE MALTESE FALCON / DIE SPUR DES FALKEN bis Orson Wells’ Meisterwerk TOUCH OF EVIL / IM ZEICHEN DES BÖSEN aus dem Jahre 1958 und die Phase der Filme ab 1960, die sich zunächst als Hommage an den Film noir entpuppten, später aber auch mit eigenständige Neuerungen die Konventionen des Genres erweiterten. Diese zeitgenössischen Filme werden häufig unter dem Begriff Neo-Noir verortet.
Natürlich sind nicht alle in dieser Zeit entstandenen GangsterfilmeFilm noir und beileibe nicht alle Hollywoodproduktionen. Auch schon vor 1940 entstanden gerade in Europa, vornehmlich Frankreich und England Filme, die durchaus dem Film noir zuzurechnen sind. Und gerade nach 1946 sind in diesen Ländern mit THE THIRD MAN / DER DRITTE MANN (GB 1949) und DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES / RIFIFI (F 1955) zwei der bedeutendsten Werke des Film noir gedreht worden.
Anleihen zog der Film noir u.a. aus den Filmen des deutschen Expressionismus, hier sei vor allem DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) von Fritz Lang genannt. Auch in M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) bot Lang schon Stilelemente zukünftiger Film noir Produktionen auf, die ihn nach seiner Emigration in die USA ab 1936 zum Vorreiter des klassischen Film noir machten. Insbesondere deutschsprachige Regisseure und Kameramänner wie Lang, Robert Siodmak, Otto Preminger, Billy Wilder, Fred Zinnemann, Max Ophüls, Max Steiner, John Alton u.a. prägten mit Kameraeinstellungen, streng geometrischer Ausleuchtung und düsterer Ausstattung den Stil des Film noir. Aber auch die Filme des Poetischen Realismus aus Frankreich, wie LE QUAI DES BRUMES / HAFEN IM NEBEL (1938) und die Gangsterfilmproduktionen Hollywoods aus den 30er Jahren, trugen zur Entwicklung des Film noir bei.
Großen Einfluss auf den Film noir übte auchdie Hard-boiled- und Pulp-Literatur der 1920er und 30er Jahre aus, die mit ihren Figuren (dem hartgesottenen Detektiv, skrupellosen Gangster oder rachsüchtigen Ehefrau) die Prototypen für die Noir-Charaktere der Filmproduktionen lieferten. Bekannte Autoren des beliebten Hard-boiled-Genres wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, James M. Cain oder Cornell Woolrich lieferten die literarischen Vorlagen für viele Film noir Drehbücher. Raymond Chandler war hier sicherlich der bedeutendste Autor und schrieb für Hollywood später die Drehbücher für Film noir Klassiker wie DOUBLE INDEMNITY / FRAU OHNE GEWISSEN (1944), THE BLUE DAHLIA / DIE BLAUE DAHLIE (1946) und STRANGERS ON A TRAIN / DER FREMDE IM ZUG (1951).
Der Neo-Noir
Gegen Ende der 1950er Jahre erschöpfte sich der Film noir mit seinen Stil, Inhalt und Figuren immer mehr. Die Filme der Nachkriegsjahre waren immer pessimistischer und zynischer geworden, die kollektive Erfahrung der Kriegsjahre ließ wenig Hoffnung erwarten, dass die Guten moralisch unbeschadet aus den Konflikten hervorgehen würden. Film-noir-Elemente beeinflussten mittlerweile auch andere Filmgenres wie Melodramen, Western und Science-Fiction. Die Zeit des klassischen Film noir neigte sich dem Ende zu.
Viele Filme, die ab 1960 entstanden, nahmen Bezug auf den Film noir, nutzten dessen Elemente und Strukturen, erweitert mit aktuellen Themen, neuen Trends und Technologien. Durch die Übernahme bzw. Variation klassischer Noir-Elemente, besonders in Bezug auf den Stil, die Charaktere und Themen, knüpften zeitgenössische Produktionen explizit am Film noir an. Dieses Genre wird deshalb auch als Neo-Noir bezeichnet, wobei es eigenständig neben dem Film noir existiert und nicht untergeordnet ist.
Neo-Noir zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Elemente wie Gewalt und Sexualität viel stärker thematisiert und zugespitzt werden, als dies noch beim Film noir der Fall war. Neo-Noir Filme wie POINT BLANK (USA 1967), TAXI DRIVER (USA 1976), MILLER'S CROSSING (USA 1989) oder BASIC INSTINCT (USA 1992) zeigten dies deutlich.
Doch nicht nur die Übernahme von Noir-Elementen, sondern auch modernen Adaptionen oder Remakes klassischer Film noir, wie THE LONG GOODBYE / DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR (USA 1973), THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE / WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT (USA 1981) oder D.O.A. / D.O.A. - BEI ANKUNFT MORD (USA 1988) sind beispielhaft für den Neo-Noir. Ebenso spielen Filme wie CHINATOWN (USA 1974), L.A. CONFIDENTIAL (USA 1997) und THE BLACK DAHLIA / BLACK DAHLIA (USA 2006) nicht nur in der Entstehungszeit der klassischen Film noir, sie kopieren auch Stil, Kleidung, Lichteinsatz, Kameraeinstellungen und Handlung und transferieren den Film noir in Farbe. Der Neo-Noir, so zeigt sich, ist noch weniger klar definierbar, als der klassische Film noir, da dieser nur die prägenden Elemente und Stile liefert, aus der sich eine Vielzahl an Genres bedienen und eigene Interpretationen schaffen.
Dies ist eine Zusammenstellung der im Text genannten Film noir und Neo-Noir mit den zugehörigen Signaturen der Filme aus unserem Bestand:
Ein lange dunkle Straße, die wenigen Lichter aus den Straßenlaternen und einsamen Mietskasernen sind gerade schwach genug, um die Trostlosigkeit des Ortes zu verdecken. Man hört schnelle Schritte, sieht aber keinen Menschen, sondern nur lange Schatten, die sich an den grauen Hauswänden abzeichnen. In der nächsten Einstellung wird deutlich, warum die Schritte schneller werden, denn dem ersten Schatten folgt ein weiterer. Plötzlich ist die Straße zu Ende, noch dunkler, noch aussichtsloser ist die Sackgasse. Ein Schuss peitscht durch die Nacht, Schritte entfernen sich wieder. Zurück bleibt ein regloser dunkler Körper, das Gesicht nach unten, der Filzhut seltsam deplatziert neben dem Kopf. Im Hintergrund hört man jetzt schon das Heulen der Polizeisirenen anschwellen, die bleierne Ruhe der Nacht durchschneidend. Aus dem Dunkel der Nacht tritt ein weiterer Fremder, der das Opfer beschatten sollte und weder den Grund für den Mord, noch den Mörder kennt. Aus einem Routinefall ist ein Mordfall geworden.
Diese kleine Szene könnte der archetypische Anfang eines beliebigen Film noirs sein, der dunklen Epoche des amerikanischen Kinos. Doch zeichnet sich der Film noir unter anderem dadurch aus, dass er sich eben gar nicht in enge Konventionen pressen lässt. Film Noir definiert sich durch den Stil und die Weltsicht, die er transportiert, ebenso durch die Gefühle, die er weckt, die seine Charaktere dem Zuschauer vermitteln und nicht zuletzt durch das Schicksal als unabwendbare Macht. Die Welt im Film noir ist zutiefst pessimistisch, trostlos und mysteriös. Die Figuren sind einsame Wanderer auf der Suche nach Glück, Erfüllung oder ganz banal nach Geld. Und trotzdem wird der Zuschauer nicht mit einem Happy End belohnt, egal wie sich die Charaktere auch bemühen. Man wird am Ende eines Film noir eher die Erkenntnis haben, den Figuren sei Unrecht angetan worden, dass man in dieser Welt besser nicht leben wolle.
Aber wirft dies nicht einen realistischeren Blick auf die Welt, als die ebenso populären Tanzfilme und Screwball-Komödien Hollywoods? Die klassische Epoche des Film noir wird heute in die Zeit vom Ende der 1930er Jahre bis 1958 (dem Erscheinungsjahr von Orson Wells’ TOUCH OF EVIL / IM ZEICHEN DES BÖSEN) eingeordnet. Geprägt war diese Zeit von der Depression der 1930er und den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Auch die Nachkriegszeit und der beginnende Kalte Krieg mit seinen Ängsten und seiner Paranoia, die die amerikanische Gesellschaft umtrieben, spiegelten sich in der grundsätzlichen Sichtweise des Film noir wider. Und in einer Zeit des Konsens, der Konformität und Unsicherheit, in der sich die Menschheit jeder Zeit selbst auslöschen konnte, war der Film noir das realistische Vehikel, die Gefühle der Menschen anzusprechen und zu transportieren, mehr als es vielleicht andere Filmgenres hätten tun können.
Die Ästhetik des Film noir
Die Ästhetik des Film noir definiert auch, was er erst einmal nicht ist, nämlich kein Genre. Eher ist er durch die Atmosphäre, den Ton, die Stimmung und den Stil definiert.
Im Jahre 1946 verwendete der französische Filmkritiker Nino Frank erstmals den Begriff Film noir (“schwarzer Film”), als er die während der Besetzung durch die Deutschen im 2. Weltkrieg verbotenen Hollywoodproduktionen der Kriegszeit sichtete. Frank und anderen Filmkritikern fiel besonders die Atmosphäre der Filme auf, jener melancholische, zynische, pessimistische und düstere Grundton der oftmals verwundenen Geschichten. Diese Geschichten handeln häufig von desillusionierten Privatdetektiven, skrupellosen Gangstern und mysteriösen Femmes Fatales und spielen vor dem Hintergrund des Großstadt-Dschungels. Helden gibt es im Film noir nicht und als Anti-Helden verkörpern die Figuren die dunkle Seite der menschlichen Natur, die durch die moralisch verrottete, gewalttätige und bedrückende Umwelt zu Tage tritt. Sympathie wird man für die Figuren selten empfinden, eher Mitleid und vielleicht auch Ekel, denn selbst scheinbar unbescholtene Charaktere geben ihre Moralvorstellungen auf und erliegen den menschlichen Schwächen in einer Welt, die nichts verzeiht.
Bedeutend für den Stil des Film noir war auch die visuelle Umsetzung der Schauplätze durch die Verwendung starker schwarz-weiß Kontraste, weniger Lichtquellen und Schatten als bestimmende Elemente. Die Lichtsetzung ist angelehnt an die Filme des deutschen Expressionismus (viele deutsche Regisseure emigrierten nach 1933 in die USA) mit ihren senkrechten und schrägen Linien, welche dem Schauplatz der Großstadt entsprechen, entgegen der Horizontalen der amerikanischen Western. Das Vertikale weckt Unruhe und Bedrohung, die Schatten und Formen wirken unwirklich und fremd. Typische Film noir Einstellungen sind dunkle Innenräume mit einer einzigen Lichtquelle, die Fenster selbst am Tag verhangen und der Raum durch den allgegenwärtigen Zigarettenrauch seltsam undurchsichtig nebulös. Außeneinstellungen dagegen sind typischerweise in städtischer Umgebung angesiedelt, vorzugsweise bei Nacht. Feuchte Straßen und dunkle Gassen, Nebelschwaden, Neonlichter und spärliche bis gar keine Beleuchtung tragen die Stimmung der Ausweglosigkeit und Finsternis (der menschlichen Empfindungen). Die spärliche Beleuchtung der Werke des Film noir der Kriegszeit war aber nicht nur ein stilistisches Element, sondern auch den Restriktionen unter Kriegsbedingungen (Verdunkelung und Stromknappheit), sowie der oftmals knappen Budgets vieler B-Movie-Produktionen geschuldet.
Die Ursprünge des Film noir
Die Geschichte des Film noir lässt sich konservativ in zwei Phasen einteilen: die Phase des klassischen Film noir von 1941, beginnend mit der Buchadaption THE MALTESE FALCON / DIE SPUR DES FALKEN bis Orson Wells’ Meisterwerk TOUCH OF EVIL / IM ZEICHEN DES BÖSEN aus dem Jahre 1958 und die Phase der Filme ab 1960, die sich zunächst als Hommage an den Film noir entpuppten, später aber auch mit eigenständige Neuerungen die Konventionen des Genres erweiterten. Diese zeitgenössischen Filme werden häufig unter dem Begriff Neo-Noir verortet.
Natürlich sind nicht alle in dieser Zeit entstandenen GangsterfilmeFilm noir und beileibe nicht alle Hollywoodproduktionen. Auch schon vor 1940 entstanden gerade in Europa, vornehmlich Frankreich und England Filme, die durchaus dem Film noir zuzurechnen sind. Und gerade nach 1946 sind in diesen Ländern mit THE THIRD MAN / DER DRITTE MANN (GB 1949) und DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES / RIFIFI (F 1955) zwei der bedeutendsten Werke des Film noir gedreht worden.
Anleihen zog der Film noir u.a. aus den Filmen des deutschen Expressionismus, hier sei vor allem DR. MABUSE, DER SPIELER (1922) von Fritz Lang genannt. Auch in M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER (1931) bot Lang schon Stilelemente zukünftiger Film noir Produktionen auf, die ihn nach seiner Emigration in die USA ab 1936 zum Vorreiter des klassischen Film noir machten. Insbesondere deutschsprachige Regisseure und Kameramänner wie Lang, Robert Siodmak, Otto Preminger, Billy Wilder, Fred Zinnemann, Max Ophüls, Max Steiner, John Alton u.a. prägten mit Kameraeinstellungen, streng geometrischer Ausleuchtung und düsterer Ausstattung den Stil des Film noir. Aber auch die Filme des Poetischen Realismus aus Frankreich, wie LE QUAI DES BRUMES / HAFEN IM NEBEL (1938) und die Gangsterfilmproduktionen Hollywoods aus den 30er Jahren, trugen zur Entwicklung des Film noir bei.
Großen Einfluss auf den Film noir übte auchdie Hard-boiled- und Pulp-Literatur der 1920er und 30er Jahre aus, die mit ihren Figuren (dem hartgesottenen Detektiv, skrupellosen Gangster oder rachsüchtigen Ehefrau) die Prototypen für die Noir-Charaktere der Filmproduktionen lieferten. Bekannte Autoren des beliebten Hard-boiled-Genres wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, James M. Cain oder Cornell Woolrich lieferten die literarischen Vorlagen für viele Film noir Drehbücher. Raymond Chandler war hier sicherlich der bedeutendste Autor und schrieb für Hollywood später die Drehbücher für Film noir Klassiker wie DOUBLE INDEMNITY / FRAU OHNE GEWISSEN (1944), THE BLUE DAHLIA / DIE BLAUE DAHLIE (1946) und STRANGERS ON A TRAIN / DER FREMDE IM ZUG (1951).
Der Neo-Noir
Gegen Ende der 1950er Jahre erschöpfte sich der Film noir mit seinen Stil, Inhalt und Figuren immer mehr. Die Filme der Nachkriegsjahre waren immer pessimistischer und zynischer geworden, die kollektive Erfahrung der Kriegsjahre ließ wenig Hoffnung erwarten, dass die Guten moralisch unbeschadet aus den Konflikten hervorgehen würden. Film-noir-Elemente beeinflussten mittlerweile auch andere Filmgenres wie Melodramen, Western und Science-Fiction. Die Zeit des klassischen Film noir neigte sich dem Ende zu.
Viele Filme, die ab 1960 entstanden, nahmen Bezug auf den Film noir, nutzten dessen Elemente und Strukturen, erweitert mit aktuellen Themen, neuen Trends und Technologien. Durch die Übernahme bzw. Variation klassischer Noir-Elemente, besonders in Bezug auf den Stil, die Charaktere und Themen, knüpften zeitgenössische Produktionen explizit am Film noir an. Dieses Genre wird deshalb auch als Neo-Noir bezeichnet, wobei es eigenständig neben dem Film noir existiert und nicht untergeordnet ist.
Neo-Noir zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Elemente wie Gewalt und Sexualität viel stärker thematisiert und zugespitzt werden, als dies noch beim Film noir der Fall war. Neo-Noir Filme wie POINT BLANK (USA 1967), TAXI DRIVER (USA 1976), MILLER'S CROSSING (USA 1989) oder BASIC INSTINCT (USA 1992) zeigten dies deutlich.
Doch nicht nur die Übernahme von Noir-Elementen, sondern auch modernen Adaptionen oder Remakes klassischer Film noir, wie THE LONG GOODBYE / DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR (USA 1973), THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE / WENN DER POSTMANN ZWEIMAL KLINGELT (USA 1981) oder D.O.A. / D.O.A. - BEI ANKUNFT MORD (USA 1988) sind beispielhaft für den Neo-Noir. Ebenso spielen Filme wie CHINATOWN (USA 1974), L.A. CONFIDENTIAL (USA 1997) und THE BLACK DAHLIA / BLACK DAHLIA (USA 2006) nicht nur in der Entstehungszeit der klassischen Film noir, sie kopieren auch Stil, Kleidung, Lichteinsatz, Kameraeinstellungen und Handlung und transferieren den Film noir in Farbe. Der Neo-Noir, so zeigt sich, ist noch weniger klar definierbar, als der klassische Film noir, da dieser nur die prägenden Elemente und Stile liefert, aus der sich eine Vielzahl an Genres bedienen und eigene Interpretationen schaffen.
Dies ist eine Zusammenstellung der im Text genannten Film noir und Neo-Noir mit den zugehörigen Signaturen der Filme aus unserem Bestand:
| Dr. Mabuse der Spieler | Film 5 Lang 7* |
| M – Eine Stadt sucht einen Mörder | Film 10 Lang 1* |
| Hafen im Nebel / Le Quai des brumes | Film 10 Carn 3* |
| Die Spur des Falken / The Maltese Falcon | Film 10 Hu 4* |
| Frau ohne Gewissen / Double Indemnity | Film 10 Wild 24* |
| Die blaue Dahlie / The blue Dahlia | Film 10 Marsh G 2* |
| Der dritte Mann / The Third Man | Film 10 Ree 4* |
| Der Fremde im Zug / Strangers on a Train | Film 10 Hit 12* |
| Rififi / Du rififi chez les hommes | Film 10 Dass 1* |
| Im Zeichen des Bösen / Touch of Evil | Film 10 Well 9* |
| Point Blank – Keiner darf überleben / Point Blank | Film 10 Boo 6* |
| Der Tod kennt keine Wiederkehr / The long Goodbye | Film 10 Alt 14* |
| Chinatown | Film 10 Pola 10* |
| Taxi Driver | Film 10 Sco 11* |
| Wenn der Postmann zweimal klingelt / The Postman always Rings Twice | Film 10 Ra 8* |
| D.O.A. – Bei Ankunft Mord / D.O.A. | Film 10 Mort 1* |
| Miller’s Crossing | Film 10 Coe 3* |
| Basic Instinct | Film 10 Verh 14* |
| L.A: Confidential | Film 10 Han 4* |
| Black Dahlia / The Black Dahlia |